La Paz und der Camino de la muerte, Bolivien

Km 10 130

Wir hatten uns La Paz für den Schluss aufgehoben, damit wir nach unserem Besuch ein Flugzeug nach Peru nehmen konnten. Aber es lief nicht wirklich wie geplant.

Geplant war auf jeden Fall; dass wir von La Paz aus den Camino de la Muerte, den „Weg des Todes“, befahren. Diese mythische Route ist in eine steile Bergseite hineingegraben und führt von der Cordillera Real nach Coroico, einer kleinen Stadt am Eingang zum Amazonasregenwald. Diese sehr schmale Straße war lange Zeit die einzige Verbindung von La Paz in den Nordosten des Landes, so dass alle LKWs und Busse sie in beide Richtungen befahren mussten. Es war nicht ungewöhnlich, dass ein Fahrzeug bei der Kreuzung mit einem anderen von der Klippe stürzte, daher der Name dieser Straße. Seit einigen Jahren ist eine alternative und sicherere Route gebaut worden, und der Camino de la Muerte ist nun hauptsächlich eine Attraktion für Mountainbiker, die den Nervenkitzel suchen.

So blieben wir nur eine Nacht in La Paz, bevor wir unsere Räder wieder beluden und aufbrachen. Am Morgen begannen wir mit dem schwierigen Anstieg auf die Cordillera Real. Wir mussten mehrere km quer durch die Stadt und im Zickzack zwischen den Fahrzeugen fahren. Als wir dann in den Höhen der Gebirgskette ankamen, begannen wir endlich zu atmen und die Landschaften zu genießen. Auf dem Bergpass La Cumbre gab es einen kleinen See und eine schöne Aussicht auf die schneebedeckten Gipfel. Wir verschlangen unser Picknick, dann begannen wir die lange Abfahrt Richtung Osten. Der Blick auf das Tal, sobald wir den Bergpass verlassen haben, war atemberaubend. Die Abfahrt war sehr steil und bald sind wir auf unseren Rädern festgefroren. Nach 20 km und vielen Höhenmetern weniger wird uns endlich wieder ein bisschen wärmer. Die Luft wird wärmer und feuchter; wir spüren, dass der Amazonas naht. Es sind noch 10 km zu fahren, dann kommen wir am Anfang des Camino de la Muerte an. Wir verlassen die Asphaltstraße und beginnen das Abenteuer.

Am Anfang können wir nicht viel sehen, wir sind von Nebel umgeben. Nur ab und zu bildet sich ein Loch in den Wolken, das uns den Blick auf die gegenüber liegende Bergwand oder das darunter liegende Tal freigibt. 2 km weiter kommen wir aus der Nebelschicht heraus und sehen die Kurven des Camino de la Muerte vor uns auftauchen. Die Leere links von uns ist zwar beeindruckend, aber für Fahrräder ist die Straße recht breit. Die Landschaft ändert sich, während wir immer weiter hinunter fahren, und macht einer dschungelähnlichen Umgebung Platz, immer noch mit der Leere neben uns. Wir kommen an einem hübschen kleinen Unterstand vorbei und machen eine Pause. Da es schon spät ist, beschließen wir, unser Zelt dort aufzuschlagen, zumal für diese Nacht ein wenig Regen geplant ist. Nochdazu haben wir einen Tisch und Bänke, endlich müssen wir mal nicht wie jeden Abend am Boden sitzen.

Wir haben gut geschlafen und freuen uns darauf, die Abfahrt fortzusetzen. Doch um 9 Uhr, als wir abfahrbereit sind, beginnt es stark zu regnen. Wir warten ein wenig, um die Wolken vorbeiziehen zu lassen, aber 1 Stunde später hat es immer noch nicht aufgehört. Wir holen unsere Regensachen heraus (das erste Mal, seit wir wieder in Südamerika sind) und fahren im Regen los. Schließlich bietet das feuchte Ambiente einen gewissen Charme und die Wasserfälle sind noch reichlicher vorhanden. Wir haben uns an den Regen gewöhnt, aber nach 6 km Abfahrt kommt das Drama: Ein riesiger Erdrutsch hat die Straße mitgerissen, es scheint, dass die ganze Seite des Berges abgerutscht ist. Wir schauen, ob wir irgendwo durchkommen, aber es gibt einen 4 m tiefen Abgrund mit einem schlammigen Bach am Grund. Außerdem machte der Regen das Ganze super rutschig. 1h lang probieren wir mehrere Wege aus, wir sehen Spuren von anderen Radfahrern, aber wir müssen feststellen, dass es bei dem Regen und dem Gewicht unserer Räder einfach zu gefährlich ist, eine Überquerung des Erdrutsches zu wagen. Wir haben nur eine Möglichkeit und das ist umzukehren. Uns ist zum Weinen zumute, und wir nehmen den Anstieg frustriert in Angriff. Wenigstens hört der Regen auf und wir beginnen zu trocknen. Nach 7 km treffen wir auf andere abfahrende Radfahrer. Eines der Mädchen ist Französin und wir warnen sie vor dem Erdrutsch. Sie wissen schon Bescheid, er ist schon seit ein paar Monaten da und ihr Führer hat ein Seil mitgebracht, um sie sicher über den Graben zu bringen. Und wenn es die Tagesbedingungen nicht zulassen, dass sie den Erdrutsch passieren, rufen sie einen Kollegen an, der sie mit dem Kleinbus abholt. Vielleicht wäre es doch besser gewesen, die Reise mit einer Agentur zu machen. Wir setzen den Anstieg fort und stehen vor einem weiteren Problem: Wir haben nichts mehr zu essen. Da wir dachten, dass wir problemlos in Coroico ankommen würden, haben wir keine Mahlzeit geplant. Wir passieren einen Campingplatz, fast das einzige Haus an der Straße, und wir haben Glück, es ist jemand zu Hause. Wir fragen, ob wir etwas Brot kaufen können, da wir noch etwas Käse übrig haben, aber die Frau bereitet uns sogar ein Asado (gegrilltes Fleisch) mit Reis und Salat zu, super lecker. Sie haben hier selten Besuch, also nutzt die Frau, die dort mit ihren 2 Kindern und ihrer Mutter lebt, die Gelegenheit, mit uns zu plaudern und gibt uns nach dem Essen eine Führung durch das Anwesen. Es ist schön, aber wir müssen weiter, sonst werden wir nie in La Paz ankommen. Wir haben noch 2 Stunden Anstieg vor uns und es ist fast 17 Uhr, als wir an der Kreuzung mit der Hauptstraße ankommen. Jetzt müssen wir nur noch ein Fahrzeug finden, das uns nach La Paz bringt. Wir versuchen ein Auto oder einen Bus anzuhalten, während uns fast die Finger einfrieren. Zum Glück müssen wir nicht allzu lange warten, bis ein Ehepaar stehenbleibt. Sie laden unsere Räder und das Gepäck auf das Dach ihres Autos und wir nehmen auf der warmen Rückbank Platz. Sie scheinen nett zu sein. Sie bieten uns an, uns beim Obst im Kofferraum zu bedienen, und schließlich bringen sie uns sogar nach El Alto, wo unser Couchsurfing-Gastgeber für diese Nacht wohnt. Aber als es an der Zeit ist, sich zu verabschieden, trauen wir unseren Ohren nicht, als sie von uns 100Bs für das Mitnehmen verlangen. In Euro umgerechnet ist das nicht viel, aber im Bus wäre es viel weniger gewesen und wir finden es nicht sehr nett, uns nicht vorher zu warnen. Wir sind zu müde, um zu diskutieren, aber wir sind wirklich enttäuscht von ihrer Einstellung und wie sie von uns profitieren. Wir essen eine Cena (Abendessen) in einem kleinen Bistro, dann gehen wir zu Erick, unserem Couchsurfing-Gastgeber. Mit seiner Freundlichkeit und Großzügigkeit lässt er uns die Mühen des Tages vergessen und wir gehen mit viel positiveren Gedanken zu Bett.

Am nächsten Tag haben wir viele Dinge zu erledigen: Flugtickets nach Peru buchen, einen Antigentest machen, Fahrradkartons für die Reise organisieren, den neuen Reifen für Matthieu holen, den uns Decathlon aus Frankreich geschickt hat, und natürlich La Paz besuchen. Am Morgen beginnen wir mit einem Antigentest in einer nahe gelegenen Klinik und einem Spaziergang bis zum Flughafen, um die Flugtickets zu buchen und die Fahrradboxen aufzutreiben. Leider kommen wir nur mit einem negativen Testergebnis zurück, denn es gibt keine Fahrradkisten am Flughafen von La Paz und keine Möglichkeit, die Flugtickets dort zu kaufen. Im Internet ist der Preis für die Tickets von La Paz nach Lima auf über 500 EUR gestiegen, ohne Gepäck, der Normalpreis liegt bei nur 250 EUR. Wir sprechen mit Erick und seiner Freundin beim Mittagessen und entscheiden uns, den folgenden Flug zu nehmen, der 4 Tage später geht. Mit dem Preisunterschied können wir eine Menge machen. Am Nachmittag gehen wir ins Stadtzentrum, um die Plaza Mayor und den Markt der Hexen zu besuchen (wenn ihr ein Skelett eines Baby-Lamas oder andere seltsame Dinge kaufen wollt, geht dort hin…). Unterwegs holen wir in einem Geschäft einen Fahrradkarton und Matthieus neues Hinterrad ab. Schön langsam scheinen die nächsten Tage organisiert zu sein. Es bleibt nur mehr zu entscheiden, was wir die 4 Tage bis zu unserem Flug machen sollen. Letztendlich beschließen wir, in wärmere Gegenden zu fahren, die wir nicht mit dem Fahrrad besuchen konnten: Santa Cruz de la Sierra!

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La Paz und der Camino de la muerte

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